Ansprache zur Gedenkfeier am 12. November 2017 in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Aufkirch

Über viele Jahre – spätestens seit der deutschen Wiedervereinigung und dem Fall des Eisernen Vorhangs, dem Niedergang der Sowjetunion und des Warschauer Pakts, dem Ende des Kalten Krieges und der Erweiterung von NATO und EU in den Osten Europas – haben wir geglaubt im ewigen Frieden zu leben.

Umzingelt von Freunden haben wir die Bundeswehr ständig reduziert, die Wehrpflicht abgeschafft und Kasernen geschlossen.
Die Freiheit der Deutschen sei – so hat man uns erklärt – viele tausend Kilometer entfern am Hindukusch zu verteidigen. Aber keines Falls mehr in unserem eigenen Land.
Wir haben geglaubt, dass wir aus der Geschichte gelernt haben, dass wir schlauer geworden sind als unsere Vorväter 1914, 1933 oder 1939. Dass uns nie passieren könnte was damals geschehen ist. Dass wir uns niemals unsere Demokratie wegnehmen lassen und dass wir niemals einem Despoten in einen verbrecherischen Krieg gefolgt wären.
Viel zu aufgeklärt – viel zu wissend - viel zu eng zu einer Europäischen Union zusammen geschmiedet seien wir, als dass sich die Geschichte nochmals in der Art wiederholen könnte.
Doch die vergangenen zwei Jahre haben uns Lügen gestraft. Erdogan, Trump, Kim Jong Un, Orban, Kaczinsky, Wilders, Le Pen, Petry, Gauland, Weidel, Höcke – sie alle haben uns eines Besseren belehrt.
Auch nach über 70 Jahren muss der Friede zwischen den Völkern jeden Tag hart erarbeitet und hart erkämpft werden.

Die Ergebnisse des 24. September in Deutschland sollten den Verantwortlichen in Deutschland Warnung und ein klarer Auftrag sein, die Sorgen der Menschen endlich ernst zu nehmen und Antworten zu suchen und zu geben.
Die Analysen des Wahlergebnisses lassen aber Zweifel zu, dass die verstanden haben, dass das Wahlvolk ihnen Hausaufgaben aufgegeben hat.

Und uns – dem Volk, dem Souverän, dem Wähler? Uns sollte aber auch bewusst sein welchen gefährlichen Weg wir einschlagen, wenn wir "aus Protest" gegen "die da oben" unser Kreuz bei diesen Parteien machen.
Und denjenigen, die diese Wahl gar aus Überzeugung getroffen haben sei gesagt, dass es die einfachen Antworten nicht gibt. Der vermeintlich "einfache Weg" den unser Land im Januar 1933 eingeschlagen hat, endete bekanntlich in einer Katastrophe.

Erich Kästner hat in einer Rede 1953 gesagt: "Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf."

Wir sind nicht Besser oder Klüger oder Standhafter oder Mutiger als unsere Vorväter – aber wir haben die Chance aus ihren Fehlern zu lernen. 77 Männer aus unserer Kirchengemeinde derer wir heute gedenken haben die Fehler von 1928 mit dem Leben bezahlt. Es ist unsere Pflicht dafür zu sorgen, dass sie die Letzten aus unserer Mitte waren.

Mit einem Blick auf die 77 Namen, die alle für ein viel zu früh beendetes Leben stehen, fragen wir uns also, was die Menschheit immer wieder dazu bringt mit Stöcken, Schwertern, Speeren, Gewehren und Bomben aufeinander los zu gehen. Und die Antwort ist häufig erschreckend einfach und immer wieder dieselbe.
So wusste schon im 14. Jahrhundert der italienische Dichter und Gelehrte Francesco Patrarca:
„Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten, würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen.“

Doch sind das nicht auch genau die Gründe für Streit innerhalb von Familien, zwischen Nachbarn, zwischen Dörfern und Gemeinden.
Wenn Lukas 13,10 sagt „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.“ müssen wir dann nicht auch sagen: „Wer im kleinen den Frieden wahren kann, der kann es auch im Großen“.
Lasst uns deshalb im kleinen Anfangen. Im Umgang mit den Menschen die den gleichen Nachnamen tragen, im Umgang mit den Menschen auf der anderen Seite des Gartenzauns, im Umgang mit den Menschen aus dem anderen Dorf. Im Umgang mit den Menschen aus einem anderen Land oder Kulturkreis, die in unserer Nachbarschaft wirklich mit und neben uns leben wollen, mit dem ehrlichen Wunsch nach Frieden.
Fangen wir hier und heute mit unserem kleinen Frieden an.

Wir vom Veteranen- und Soldatenverein haben den 77 Menschen, die aus dem zweiten Weltkrieg nicht in unsere Mitte zurückgekehrt sind, den 38 die ihr Leben im ersten Weltkrieg gelassen haben, den vermissten Kameraden und den Kriegsteilnehmern, die in der Heimat verstorben, sind in unserer Satzung das Versprechen gegeben, dass wir sie und ihr Schicksal nicht vergessen werden.
Wir werden ihre Namen nicht vergessen und wir werden ihre Geschichten und Erfahrungen nicht vergessen.
Heinrich Heine sagte einst: "Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte." Und so ist jeder einzelne Name, jede einzelne Geschichte hinter diesem Namen ein kleines Denkmal gegen den Krieg und Mahnung für den Frieden.

Vor nicht ganz einem Jahr hatten wir vom VDK Ortsverband und dem Veteranenverein die Gelegenheit einem unserer Ehrenmitgliedern und Kriegsteilnehmer zu seinem runden Geburtstag zu gratulieren. Neben vielen aktuellen Themen haben wir auch über seinen Krieg gesprochen. Über Verwundung und den Kampf ums Überleben. Einen ganzen Tag dem Tod näher als dem Leben. Über die Zeit danach und die körperlichen Schmerzen die bis heute jeden Tag an die Schrecken dieses Krieges erinnern.
Er beendete seine Geschichte mit dem Satz: "Ich verstehe aber, wenn die Jungen das heute nicht mehr hören wollen. Das ist lange her."
Dem möchte ich heute widersprechen. Genau das sind die Geschichten, die wir "Jungen" uns anhören sollten. Nicht nur den Frontverlauf auf historischen Karten im Geschichtsunterricht, sondern das Schicksal des Einzelnen. Würden wir nicht alles tun um nicht in diesem Erdloch liegen und mit dem Tod kämpfen zu müssen.


Und in dem Versprechen die Erinnerungen an den Einzelnen zu bewahren stehen wir gemeinsam hier am Ehrenmal und legen zusammen mit dem VDK Ortsverband Stöttwang-Aufkirch einen Kranz nieder, als äußeres Zeichen unserer Verbundenheit.

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